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6. Juli 2021

3 Fragen an Dr. med. Yvonne Gilli, FMH-Präsidentin

Frau Gilli, mit welchen besonderen Herausforderungen sind Schweizer Ärztinnen und Ärzte und insbesondere Sie als FMH-Präsidentin in den kommenden Jahren konfrontiert?

Ich sehe vor allem zwei grosse Herausforderungen. Erstens nimmt die Regulierung der Arbeit von Ärztinnen und Ärzten massiv zu. Von Seiten der Gesetzgebung sind gerade mehrere komplexe politische Steuerungsinstrumente eingeführt worden, welche besonders für die Arbeit von ambulant tätigen Praxisärztinnen und -ärzten neue Auflagen machen und Einschränkungen bedeuten. Zu erwähnen wären hier die Regulierung der Ärztedichte mit der Zulassungssteuerung für ambulante Ärztinnen und Ärzte, die Einführung eines Qualitätsartikels im KVG sowie neue Tarifsysteme für die Einführung von Pauschalentschädigungen. Und bevor einzuschätzen ist, wie die Auswirkungen dieser neuen Gesetze sich entfalten, wird bereits über neue tiefgreifende Systemeingriffe wie die Einführung eines Globalbudgets debattiert. Als zweite grosse Herausforderung sehe ich die Gesamtrevision des TARMED, des ambulanten Tarifs für ärztliche Leistungen. Der Tarif ist hoffnungslos veraltet, weil er die heutige Digitalisierung in der Medizin nicht abbildet. Über diesen alten nicht sachgerechten Tarif müssen alle ambulant tätigen Ärztinnen und Ärzte tagtäglich sämtliche ihrer Leistungen abrechnen. Die Ablösung des TARMED durch den TARDOC ist mehr als überfällig und muss dringend bald kommen.

Bevor Sie Ihr Amt als FMH-Präsidentin antraten, waren Sie im Zentralvorstand bereits zuständig für das Dossier Digitalisierung. COVID hat sowohl bei den Behörden als auch bei Ärzten aufgezeigt, dass bei der Digitalisierung einiges aufzuholen gibt. Auch bei Ärzteverzeichnissen ist mitunter von einem «Datenwirrwarr» die Rede. Welchen Handlungsbedarf sehen Sie, damit die Schweiz ein funktionierendes digitales System für Gesundheitsdaten bekommt?

Die sogenannte «digitale Transformation» stellt der Ärzteschaft neue Werkzeuge für das gesamte Spektrum der Berufstätigkeit zur Verfügung. Schon lange nutzen die Ärztinnen und Ärzte digitale Abrechnungssysteme, welche den Administrativaufwand reduzieren. Komplexer sind die Anforderungen an die Digitalisierung, wenn es um Diagnostik und Behandlung geht oder um die Nutzung der Informationen in der Krankenakte für wissenschaftliche Erkenntnisse. Während der Pandemie mussten wir erfahren, wie dysfunktional einfache Meldesysteme den ärztlichen Alltag erschwerten statt ihn zu unterstützen. Angesichts dieser Tatsache müssen wir hier noch einen weiten Weg zurücklegen. Um schneller vorwärtszukommen, braucht es deutlich mehr finanzielle Ressourcen und die Bereitschaft der politischen Entscheidungsträger, die Expertise der betroffenen Branchen anzuerkennen – von der Industrie über die Gesundheitsinstitutionen bis zur Ärzteschaft – und sie auf allen Ebenen miteinzubeziehen.

Die steigenden Gesundheitskosten werden auch nach COVID ein Thema bleiben. Wie nehmen Sie diese Diskussion wahr – und wie stehen Sie zu diskutierten Massnahmen wie Zielvorgaben oder der Gleichbehandlung von Biosimilars und Generika?

Gestiegen sind in den letzten Jahren primär die Krankenkassenprämien, nicht die Gesundheitskosten. Dies hat zu tun mit Verzerrungen durch uneinheitliche Finanzierung von ambulanten und stationären Leistungen und mit Reserven bei den Krankenkassen. Die Kosten pro Patient stagnieren bei ambulant tätigen Ärztinnen und Ärzten seit Jahren auf demselben Niveau und sind während der Covid-Pandemie sogar gesunken. Grundsätzlich sollte man bei den Gesundheitskosten nicht nur die Kosten, sondern auch den grossen Nutzen qualitativ guter Gesundheitssysteme in hoch entwickelten Ländern beachten. Wenn ein Mensch dank einer guten medizinischen Versorgung länger autonom bleiben kann und nicht pflegebedürftig wird, sind ganzheitlich gesehen erstens Kosten gespart und zweitens sind für die Betroffenen Jahre an Lebensqualität gewonnen. Wir dürfen auch nicht vergessen wie wertvoll es ist, dass wir alle, wo und wann auch immer wir auf medizinische Hilfe angewiesen sind, diese auch bekommen unabhängig unseres Wohnortes und unseres Einkommens. Die Schweiz ist im internationalen Vergleich mehrfach als bestes Gesundheitswesen der Welt ausgezeichnet worden. Dieses hervorragende Gesundheitswesen schafft qualifizierte Arbeitsplätze und industrielle Wertschöpfung und somit Wohlstand im eigenen Land.

Die Diskussion mit einem sehr engen politischen Blickwinkel auf Massnahmen zur Kostendämpfung durch Zielvorgaben ist verfehlt. In der Schweiz sind diejenigen Kantone, welche bereits mit Zielvorgaben arbeiten, jene, die im interkantonalen Vergleich am teuersten sind. Ein Nachweis, dass Zielvorgaben Kosten sparen, lässt bis heute auf sich warten. Auch ein Blick ins Ausland zeigt kein einziges Beispiel, wo ein Globalbudget eine Lösung der Kostensteigerung geliefert hat.

Bezüglich der Regulation der Medikamentenpreise, u.a. bezogen auf Biosimilars und Generika, braucht es mehr Differenzierung von Seiten der Politik. Tiefstpreise können als direkte Konsequenz zur Folge haben, dass Medikamente nicht mehr kostendeckend produziert und vertrieben werden können und deswegen vom Markt verschwinden, obwohl wir sie dringend benötigen. Dies zeigt die zunehmend gefährdete Versorgungssicherheit mit wichtigen Medikamenten in der Schweiz.

Samuel Lanz

Mitglied der Geschäftsleitung / Leiter Kommunikation

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