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24.09.2026

Beitrag von: Georg Därendinger

Klinische Forschung unter Druck: Die Schweiz verliert den Anschluss

Klinische Forschung ist die Grundlage für medizinischen Fortschritt. Doch die Schweiz verliert im internationalen Wettbewerb um klinische Studien den Anschluss. Diese Entwicklung beeinträchtigt den Zugang der Patientinnen und Patienten zu innovativen Therapien und schwächt den Forschungs- und Innovationsstandort Schweiz nachhaltig.

Die Schweiz zählt zu den weltweit führenden Standorten für Forschung und Innovation. Bei klinischen Studien nimmt der internationale Wettbewerb deutlich zu. Vor allem die USA und asiatische Länder investieren gezielt in attraktive Forschungsbedingungen und gewinnen an Bedeutung. Zwischen 2014 und 2024 ist die Zahl der klinischen Studien in der Schweiz von 185 auf 137 gesunken, ein Rückgang von mehr als einem Viertel. Gleichzeitig wächst die Zahl der Studien weltweit, insbesondere in Asien. Auch innerhalb Europas gerät die Schweiz zunehmend ins Hintertreffen: Länder wie Spanien, Grossbritannien, Deutschland, Belgien, Dänemark oder Österreich ziehen heute deutlich mehr klinische Forschungsprojekte an. Die Folgen treffen nicht nur den Forschungsstandort, sondern insbesondere auch die Patientinnen und Patienten in der Schweiz.

Vincent Gruntz, CEO Swiss Cancer Institute: «Klinische Krebsforschung ist die Grundlage für den Fortschritt im Bereich der Onkologie. Sie ermöglicht es, neue Therapien zu entwickeln, zu testen und den Menschen zugänglich zu machen, die auf sie angewiesen sind. Ohne klinische Forschung gelangen medizinische Innovationen nicht in die Versorgung. Wir konnten zum Beispiel zeigen, dass ein bestimmtes Medikament zur Behandlung von Knochenmetastasen genauso gut wirkt, wenn es dreimal seltener verabreicht wird. Das heisst: für das Gesundheitssystem eine Einsparung von 15 Millionen Franken jährlich und für die Patientinnen und Patienten weniger Nebenwirkungen und somit eine bessere Lebensqualität. Geben wir diese Kompetenz Richtung Asien ab, drohen den PatientInnen schlechtere Behandlungsmöglichkeiten und höhere gesundheitliche Risiken.»

Warum Studien zunehmend im Ausland stattfinden

Klinische Studien werden global geplant. Entscheidend für die Standortwahl sind neben wissenschaftlicher Exzellenz vor allem wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen: effiziente Bewilligungsverfahren, Geschwindigkeit und Planbarkeit, der unbürokratische Zugang zu geeigneten Studienteilnehmenden, verfügbare Fachkräfte, den schnellen Zugang zu neuen Therapien über den regulären Vergütungsprozess sowie eine funktionierende Gesundheitsdateninfrastruktur.

Genau hier bestehen in der Schweiz erhebliche Herausforderungen. Während andere Länder, gezielt und massiv in klinische Forschung investieren sowie Prozesse beschleunigen, erschweren hierzulande aufwändige und harmonisierungsbedürftige Bewilligungsverfahren, starke Einschränkungen für die Nutzung von Gesundheitsdaten und der verzögerte Zugang für neue Therapien die Durchführung klinischer Studien. Zudem ist die Schweiz bei der strategisch relevanten öffentlichen Finanzierung der klinischen Krebsforschung im internationalen Vergleich abgeschlagen.

Was auf dem Spiel steht

Der Rückgang klinischer Studien hat direkte Auswirkungen auf die Versorgung der Bevölkerung. Patientinnen und Patienten erhalten seltener frühzeitigen Zugang zu innovativen Behandlungsmöglichkeiten, insbesondere bei Krebs sowie bei seltenen oder schwer behandelbaren Erkrankungen.

Gleichzeitig verliert das Schweizer Gesundheitssystem an Innovationskraft, Exzellenz und Attraktivität für Forschende, medizinische Fachkräfte und Investoren. Klinische Studien sind ein wichtiger Bestandteil in der Wertschöpfungskette eines starken Life-Science-Standorts.


René Buholzer, CEO Interpharma: «Klinische Forschung verbindet medizinischen Fortschritt mit schnellem Patientenzugang. Sie eröffnet Patientinnen und Patienten Zugang zu neuen Therapieansätzen, bringt Wissen in die Versorgung und schafft hochqualifizierte Arbeitsplätze. Die enge Zusammenarbeit zwischen Hochschulen, Spitälern und forschenden Unternehmen stärkt das Ökosystem am Standort und zieht weitere Investitionen und qualifizierte Fachkräfte an. Verliert die Schweiz bei der klinischen Forschung an Boden, steht deshalb weit mehr auf dem Spiel als einzelne Studien: Es geht um den Zugang zu neuen Therapien, die Innovationskraft und Exzellenz unseres Gesundheitssystems sowie die Zukunft eines starken Forschungs- und Wirtschaftsstandorts.»

Jetzt die Rahmenbedingungen für zukunftsfähigen Forschungsstandort schaffen

Um die Attraktivität der Schweiz für klinische Forschung zu stärken und den Zugang zu medizinischen Innovationen langfristig zu sichern, sehen das SCI und Interpharma insbesondere in drei Bereichen Handlungsbedarf:

Mehr klinische Forschung in der Schweiz bedeutet mehr medizinischen Fortschritt für Patientinnen und Patienten, mehr Innovation für das Gesundheitssystem und mehr Stärke für den Forschungs- und Innovationsstandort. Diese Chance sollte die Schweiz nutzen.