Newsletter

Abonnieren Sie unseren Newsletter, um informiert zu bleiben.

Newsletter Overlay
Anrede
* Pflichtfelder
Policy

14.08.2026

Medikamentenpreise im Fokus der US-Handelspolitik: Mögliche Section 301-Untersuchung – Mehr als ein Damoklesschwert?

Seit dem sogenannten «Liberation Day» vom 2. April 2025 hat die US-Administration ihre Zoll- und Handelspolitik grundlegend verschärft. Dabei stützt sie sich auf unterschiedliche gesetzliche Grundlagen. Einzelne Massnahmen wurden gerichtlich überprüft oder waren zeitlich befristet. Der handelspolitische Druck ist dadurch jedoch nicht verschwunden, sondern hat sich auf andere Instrumente verlagert.

Für die Pharmabranche sind insbesondere Section 232 und Section 301 des US-Handelsgesetzes von Bedeutung. Section 232 ermöglicht es der US-Administration sektorbezogene Massnahmen, wenn Importe aus Sicht der USA die nationale Sicherheit gefährden.

–> Mehr Informationen dazu in unserem Beitrag zu den Zöllen

Was bedeutet eine Section 301-Untersuchung

Section 301 des Trade Act ermöglicht es der US-Administration, Gesetze, staatliche Massnahmen und regulatorische Praktiken anderer Länder zu untersuchen, wenn diese aus amerikanischer Sicht unangemessen oder diskriminierend sind und den US-Handel belasten oder einschränken.

Kommt die US-Administration zum Schluss, dass die untersuchten Praktiken den amerikanischen Handel benachteiligen, kann sie Gegenmassnahmen ergreifen. Dazu können zusätzliche Zölle, andere Handelsbeschränkungen oder Verhandlungen über eine Anpassung der beanstandeten Regelungen gehören.

Für die Pharmabranche ist die Section 301 besonders relevant, weil damit nicht nur Medikamentenimporte, sondern auch nationale Preis-, Vergütungs- und Marktzugangsmechanismen ins Visier der US-Administration geraten können.

Weshalb nehmen die USA ausländische Medikamentenpreise ins Visier?

Die Preise für Arzneimittel liegen in den USA im internationalen Vergleich besonders hoch. Aus Sicht der US-Administration tragen amerikanische Patientinnen und Patienten sowie das US-Gesundheitssystem deshalb einen überproportionalen Anteil an den weltweiten Kosten für die Erforschung und Entwicklung neuer Medikamente. Andere wohlhabende Länder – darunter auch die Schweiz – profitierten demgegenüber von deutlich tieferen Preisen.

Diese Argumentation bildet die Grundlage der sogenannten Most-Favored-Nation-Politik (MFN). Mit ihr will die US-Administration die Preise in den USA stärker an den tiefsten Preisen vergleichbarer entwickelter Länder ausrichten. Gleichzeitig hat sie die zuständigen Behörden angewiesen, gegen aus ihrer Sicht preisdrückende Praktiken im Ausland vorzugehen.

MFN und Section 301 sind dabei nicht dasselbe: MFN bezeichnet den amerikanischen Ansatz zur Angleichung der Medikamentenpreise. Section 301 ist das handelspolitische Instrument, mit dem die USA Preis- und Marktzugangsmechanismen anderer Länder untersuchen und gegebenenfalls mit Gegenmassnahmen beantworten können.

Die Untersuchung gegen Deutschland

Am 18. Juni 2026 hat die US-Administration eine Section-301-Untersuchung zur Preisgestaltung und Vergütung innovativer Medikamente in Deutschland eröffnet. Geprüft wird, ob die deutschen Regelungen aus amerikanischer Sicht unangemessen oder diskriminierend sind und den US-Handel belasten oder einschränken.

Im Fokus stehen insbesondere zusätzliche Rabatte im Zusammenhang mit vertraulichen Preisvereinbarungen sowie verpflichtende variable Rückvergütungen. Aus Sicht der US-Administration könnten diese Instrumente zu einer unzureichenden Vergütung innovativer Medikamente beitragen und dazu führen, dass die USA einen noch höheren Anteil der weltweiten Forschungs- und Entwicklungskosten tragen.

Die Untersuchung richtet sich gegen Deutschland, nicht gegen die Schweiz. Sie zeigt jedoch, dass nationale Preis- und Vergütungssysteme inzwischen zum Gegenstand konkreter handelspolitischer Verfahren werden können.

Damit bestätigt sich, wovor Interpharma seit Monaten warnt: Entscheide über Medikamentenpreise und den Zugang zu innovativen Therapien können nicht mehr isoliert auf nationaler Ebene betrachtet werden. Sie stehen in einem internationalen Zusammenhang und können weit über den jeweiligen Binnenmarkt hinauswirken.

Was bedeutet die Entwicklung für die Schweiz?

Für die Schweiz ist diese Entwicklung besonders relevant. Sie zählt zu den weltweit führenden Standorten für die Erforschung, Entwicklung und Produktion innovativer Medikamente, ist als Absatzmarkt jedoch vergleichsweise klein.

Gleichzeitig steht der Zugang zu neuen Therapien bereits heute unter Druck. Die Verfahren bis zur Aufnahme innovativer Medikamente in die Vergütung dauern teilweise zu lange. Patientinnen und Patienten müssen dadurch auf Behandlungen warten, die in anderen Ländern bereits verfügbar und vergütet sind.

Durch die MFN-Politik erhalten Schweizer Preisentscheide eine neue internationale Tragweite. Die Schweiz steht für lediglich 0.6% des weltweiten Pharmamarktes, während auf die USA rund 50% entfallen. Werden tiefe Schweizer Preise zu einem Referenzpunkt für den ungleich grösseren US-Markt, verändern sich die wirtschaftlichen Voraussetzungen für die Lancierung neuer Medikamente in der Schweiz grundlegend.

Damit steigt das Risiko, dass Unternehmen Markteinführungen in der Schweiz aufschieben oder einzelne Medikamente gar nicht mehr lancieren. Es besteht die reale Gefahr, dass sich die bereits heute rückläufige Einführung neuer Medikamente nicht nur weiter verzögert, sondern einzelne innovative Therapien den Patientinnen und Patienten in der Schweiz nicht mehr zur Verfügung stehen.

Die Folgen reichen über den unmittelbaren Patientenzugang hinaus. Unternehmen entscheiden global, wo sie klinische Studien durchführen, Forschungsprojekte ansiedeln und investieren. Verschlechtern sich die wirtschaftlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen weiter, droht die Schweiz auch bei diesen Entscheiden an Priorität zu verlieren.

Die Einordnung von Interpharma

René Buholzer, CEO von Interpharma: «Die Entwicklungen in den USA zeigen, wie eng Medikamentenpreise, Patientenzugang, internationale Handelsbeziehungen und Standortentscheide inzwischen miteinander verbunden sind. Nationale Eingriffe in Preis- und Vergütungssysteme müssen deshalb stärker als bisher in ihrem internationalen Kontext beurteilt werden.»

Umso wichtiger ist es, die Versorgungssituation in der Schweiz nicht ohne Not weiter zu verschärfen. Der vorliegende Entwurf zur Revision der Krankenversicherungsverordnung (KVV) und der Krankenpflege-Leistungsverordnung (KLV) trägt den veränderten internationalen Rahmenbedingungen nicht ausreichend Rechnung. Die vorgesehenen Massnahmen schaffen zusätzliche Risiken für den Zugang zu innovativen Medikamenten und für die Attraktivität des Forschungs- und Pharmastandorts Schweiz.

Die Vorlagen müssen deshalb grundlegend überarbeitet werden. Dabei sind die gemeinsam mit den relevanten Akteuren entwickelten Lösungen einzubeziehen. Ziel muss es sein, einen raschen und gleichberechtigten Zugang zu neuen Medikamenten zu gewährleisten, die Versorgungssicherheit zu stärken und wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen für Forschung und Investitionen zu erhalten.

Dazu gehört insbesondere eine Modernisierung des bestehenden Preissystems. Die Schweiz braucht verlässliche und effiziente Verfahren, die den Wert von Innovation angemessen berücksichtigen und zeitnahe Vergütungsentscheide ermöglichen.

Interpharma hat hierzu konkrete und umsetzbare Vorschläge unterbreitet. Diese gilt es nun aufzunehmen und gemeinsam weiterzuentwickeln. Eine nachhaltige Medikamentenpolitik muss den Zugang der Patientinnen und Patienten zu innovativen Therapien sichern und zugleich die Voraussetzungen dafür erhalten, dass auch künftig in der Schweiz geforscht, entwickelt und investiert wird.

Informationsstand: 12. August 2026. Die USA haben die Section-301-Untersuchung zur Preisgestaltung und Vergütung innovativer Medikamente in Deutschland am 18. Juni 2026 eröffnet. Die Schweiz ist nicht Gegenstand dieses Verfahrens.