Thesen

Über viele Jahre war die Schweizer Politik stark von Migrationsthemen geprägt. Anders als im europäischen Ausland wurde das Thema aufgrund der direkten Demokratie viel früher und vehementer aufs politische Tapet gebracht. Nun zeigt sich in der letzten Zeit eine Entspannung in diesem Issue. Sowohl in der Wahrnehmung der Stimmberechtigten als auch in der medial veröffentlichten Meinung scheint die Migration weniger virulent als früher zu sein.

Im Gegenzug werden Gesundheitspolitik und Sozialversicherungen zunehmend wichtiger und politisierter. Gerade die Abstimmung zur Altersvorsorge vom vergangenen Herbst zeigt exemplarisch auf, dass solche Themen emotional und mit einem hohen Willen zur Besitzstandwahrung geführt werden. Insgesamt findet sich eine mehrheitliche Sorge, bestehende soziale und im Alltag spürbare, leistungsseitig hochgradig zufriedenstellende Errungenschaften zu verlieren.

Daraus entwickelt sich eine Haltung des Verteidigungskampfes, wodurch 2018 auch in Bezug auf die Gesundheitspolitik Meinungen neu formiert werden. Plötzlich treten bisherige kostenseitige Bedenken in den Hintergrund und leistungsseitige Verlustängste dominieren. Veränderungen werden kritischer beäugt als noch vor einem Jahr, Kostenersparnis alleine verliert an Akzeptanz. Solche Verunsicherungen bei grossen Veränderungen werden innerhalb politischer Issues immer wieder beobachtet. Ihnen eigen ist eine relativ hohe anfängliche Dynamik, die sich in der Folge auf einem neuen Niveau einmittet.

Wir gehen für 2018 davon aus, dass die Diskussion zu Sozialversicherungen sowohl bei der Altersvorsorge wie auch bei der Gesundheitspolitik aus Sicht der Schweizer Stimmberechtigten in einer solchen Dynamik mündet. Herr und Frau Schweizer sind verunsichert und sehen individuelle Vorteile gefährdet. Ob diese Stimmung über längere Zeit anhält oder mit den weiteren Diskussionen moderiert wird, kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht festgehalten werden. Aus der Erfahrung vermuten wir aber in der Erhebung 2018 eine leichte Überreaktion auf die aktuelle politische Diskussion, die sich 2019 wieder gegen unten korrigiert.

Den Status quo beibehalten – wenig Experimentierbereitschaft

Der überragende Trend im Gesundheitsmonitor 2018 geht in die Richtung: keine Experimente. Für die hohen Krankenkassenprämien möchten die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger viele und hochstehende Leistungen haben. Insbesondere gilt dies auch für die Einführung von Globalbudgets, den Ausbau der Minimal- oder Maximalfranchise, eine Lockerung des Vertragszwangs oder für die Einführung altersabhängiger Prämien.

Nach wie vor sind Herr und Frau Schweizer mit dem heutigen System allerdings auch hochgradig zufrieden. Die Kosten bilden den einzigen Stolperstein in einem Gesundheitswesen, das ansonsten geschätzt wird.

Höhere Erwartungen gegenüber den Krankenkassen

Wahlfreiheit, Leistungs- und Qualitätsorientierung sind fixe, anerkannte Werte des Schweizer Gesundheitswesens. Quantität und Qualität kommen deutlich vor der Kostenorientierung bei den Wertvorstellungen zum Gesundheitswesen.

Innerhalb dieser relativ beständigen Werthaltung sollen die Kassen 2018 eher mehr Leistungen übernehmen und eine möglichst umfassende Deckung anbieten. Bei den Krankheitsbildern und Bereichen, für die man sich eine Deckung wünscht, stechen neu stressinduzierte Krankheiten und psychische Beeinträchtigungen, aber auch Präventivmassnahmen heraus: Deutlich mehr Stimmbürgerinnen und Stimmbürger wünschen sich hier eine angemessenere Deckung als noch 2017. Auch in der aktuellen Befragung bleibt die freie Arztwahl ein Grundanspruch, den die Versicherten an das Gesundheitswesen haben.

Bilanz Gesundheitswesen

Die Gesamtbilanz zum Gesundheitswesen ist seit mehreren Jahren positiv. Dem Gesundheitswesen wird unverändert praktisch flächendeckend eine gute Qualität attestiert.

Kostenbewusstsein

Die Erwartung steigender Kosten und Prämien bleibt ein Fixpunkt im Gesundheitsmonitor, wenn auch in diesem Jahr nicht mehr gleich flächendeckend wie im Vorjahr.

Einkommensabhängige Prämien verlieren deutlich an Zustimmung, das Kopfprämienmodell bleibt bei stabiler Zustimmung. Automatische und kostengetriebene Erhöhungen der Franchisen erleben einen klaren Rückgang an Unterstützung. Die Medikamentenpreise werden überwiegend und erstmals seit 2013 wieder von über drei Vierteln als zu hoch empfunden, während man auch im Bereich krankenseitige Verwaltungskosten zunehmend Sparpotenzial sieht. Allerdings findet diese Aussage zu den Medikamentenpreisen im Alltag schnell Grenzen: Bei schweren «Volkskrankheiten» wie zum Beispiel Krebs werden in aller Deutlichkeit keine Restriktionen mit Blick auf die Kosten gewünscht.

Kassenleistung

Die erwartete Kostensteigerung führt explizit dazu, dass man sich zwar keinen generellen Ausbau in der Grundversicherung, aber Krankenkassendeckungen in praktisch allen Bereichen wünscht. Die Ausnahmen bilden Gesundheitsschäden, die durch Drogenmissbrauch entstehen. 2018 wird ausserdem zum Jahr der Wende mit Blick auf die kollektive Verantwortung bei seltenen und sehr teuren Krankheiten. Diese geriet in den letzten beiden Jahren unter Druck. Aktuell wollen nur noch Minderheiten die Kassenzahlung vom Alter abhängig machen, eine Obergrenze fixieren oder die Behandlung ganz stoppen.

Akteursimages

Bei den Akteuren des Gesundheitswesens geniesst die Pharmaindustrie gleich hinter den Ärztinnen und Ärzten ein gutes Image und eine hohe zugesprochene Kompetenz als Akteur. Daneben vertraut man vor allem den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, abnehmend auch den Apothekerinnen und Apothekern. Demgegenüber haben die Bundesämter im Jahresverlauf an zugesprochener Kompetenz verloren. Sie liegen jetzt zusammen mit den Kassen, dem Bundesrat, Gesundheitspolitikerinnen und Gesundheitspolitikern und den Schutzorganisationen hinter der Spitzengruppe wichtiger Akteure des Gesundheitswesens.

Publikationen

gfs Gesundheitsmonitor 2018