Blogserie zur Jahrespressekonferenz - Teil 1: Der Pharmastandort Schweiz braucht Vernetzung - Interpharma

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19. Januar 2023

Blogserie zur Jahrespressekonferenz – Teil 1: Der Pharmastandort Schweiz braucht Vernetzung

Jörg-Michael Rupp, Präsident Interpharma, Direktor Pharma International, Roche

Was nimmt die forschende Pharmaindustrie der Schweiz aus dem vergangenen Jahr mit? Und was muss im Jahr 2023 – und darüber hinaus – passieren, damit der Pharmastandort Schweiz weiterhin führend bleibt und die Patientinnen und Patienten Zugang zu medizinischen Innovationen haben? In Teil 1 unserer Blogserie zeigt Interpharma-Präsident Jörg Rupp auf, warum die Spitzenposition des Pharmastandorts Schweiz inzwischen zunehmend gefährdet ist – und was dagegen getan werden kann.

Es sind eindrückliche Werte: Mit direkt und indirekt rund 250’000 Arbeitsplätzen sowie 61.4 Milliarden Franken Wertschöpfung ist die Pharmaindustrie der eigentliche Motor der Schweizer Wirtschaft. Die Pharmaunternehmen investieren weit überdurchschnittlich in den Forschungsstandort Schweiz. Den Grossteil von Forschung und Entwicklung in der Privatwirtschaft trägt heute die Pharmabranche: Die Privatwirtschaft hat 2021 16.8 Mrd. Franken in den Forschungsplatz Schweiz investiert. Mit 37% investiert die Pharmaindustrie bei weitem am meisten, der Anteil ist gegenüber 2019 nochmal um 4% gewachsen. Wenn wir auch jene Forschungsaufträge einrechnen, welche die Pharmaunternehmen an externe Labors und Forschungseinrichtungen übergeben, kommt die Pharma inzwischen auf einen Anteil von annähernd 50%.

Die Pharmaindustrie ist aber auch die wichtigste Exportbranche der Schweiz: 42% der Gesamtausfuhren werden von der Pharmabranche realisiert. Dieser Wert hat sich in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt. 2021 haben die Pharmaexporte die 100 Mrd. Franken-Grenze nicht nur erreicht, sondern mit Ausfuhren von insgesamt 109 Mrd. Franken weit übertroffen. Die Europäische Union ist dabei mit 48% der Exporte nach wie vor der mit Abstand wichtigste Absatzmarkt der Pharmaindustrie. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die Schweiz, als eine der grössten pharmazeutischen Produktionsstätten in Europa, zentral ist für die Resilienz und Versorgungssicherheit auch in der EU.

So weit, so gut, könnte man daraus schließen – es läuft ja alles bestens. Leider ist das aber nicht so einfach – mittel- bis langfristig ist der Spitzenplatz des Standorts Schweiz leider gefährdet.

Doch was sind die Ursachen? Zunächst einmal müssen wir feststellen, dass sich bei der dringenden Klärung der Beziehungen zwischen der Schweiz und der Europäischen Union leider noch immer keine Lösung abzeichnet, auch wenn es offenbar positive Signale gibt. Aber währenddessen schreitet die Erosion der bilateralen Verträge voran – beispielsweise durch den Ausschluss aus dem Forschungsabkommen Horizon Europe. Die negativen Effekte dieses Ausschlusses für den Forschungsplatz konnten bisher noch nicht aufgewogen werden, auch wenn der Bundesrat in dieser Hinsicht lobenswerte Massnahmen ergriff.

Schmerzhafte Stagnation im EU-Dossier

Dass die bestehenden Abkommen nicht mehr aktualisiert werden, ist nicht nur ein grosses Problem für die heute schon betroffene Forschung. Mittelfristig wird es auch das MRA im Pharmabereich betreffen. Denn ganz konkret steht aktuell die Überarbeitung der allgemeinen EU-Arzneimittelvorschriften im Rahmen der so genannten „Pharmaceutical Strategy for Europe“ an: Einige Teile des MRA zwischen der Schweiz und der EU verweisen sowohl inhaltlich als auch rechtlich auf die bestehenden Vorschriften. Wenn die überarbeiteten EU-Arzneimittelvorschriften in Kraft treten, müssen diese Teile des MRA aktualisiert werden, um rechtsgültig zu bleiben. Dieses Thema wird in diesem Jahr aktuell und es betrifft den Pharmastandort Schweiz ganz direkt – das sollte nicht unterschätzt werden. Noch ist aber unklar, wie stark die Schweiz betroffen sein wird. Aber wir sehen auch, dass wichtige neue Abkommen, wie im Bereich Energie oder Gesundheit, gar nicht erst abgeschlossen werden. Das spürt die Schweiz gerade schmerzhaft.

Die Wettbewerbsfähigkeit des Pharmastandorts Schweiz hängt stark von stabilen und geregelten Beziehungen mit der Europäischen Union ab. Vor allem das Mutual Recognition Agreement (MRA), das Forschungsabkommen sowie die Personenfreizügigkeit sind für die Pharmabranche von enormer Bedeutung. Wir begrüssen daher, dass der Bundesrat sich nach wie vor zum bilateralen Weg bekennt. Wir erwarten aber auch, dass die Gespräche weitergehen und Verhandlungen wieder aufgenommen werden.

Ich möchte daran erinnern, dass mit der Erosion der Bilateralen bis 2033 allein in der Pharmabranche eine kumulierte Wertschöpfung von insgesamt rund 25 Milliarden Franken auf dem Spiel steht. Die Schweiz und ihre Pharmaindustrie brauchen dringend Stabilität in den Beziehungen zur EU.

Digitalisierung  muss zur Chefsache werden

Ähnlich entscheidend ist das Thema Digitalisierung im Gesundheitswesen. Hier liegen nun endlich konkrete Fristen und damit ein Fahrplan für Massnahmen und Finanzierung vor. Die Schweiz darf sich jetzt aber auf keinen Fall zurücklehnen. Denn viele Länder sind uns um Längen voraus. Anstatt in der Spitzengruppe mitzufahren, befindet sich die Schweiz irgendwo am Ende des europäischen Feldes (vgl. Grafik).

Wenn die Schweiz nicht definitiv den internationalen Anschluss verlieren will, muss der Bund schnell und entschieden handeln und die Digitalisierung, insbesondere beim Gesundheitswesen, zur «Chefsache» erklären. Dazu gehört auch, dass das Parlament vor den nun notwendigen Investitionen in das digitalisierte Gesundheitssystem nicht zurückschreckt, sondern die Verantwortung für dieses Generationenprojekt übernimmt – gerade auch angesichts der Entwicklungen auf EU-Ebene. Dort soll 2024 der Europäische Gesundheitsdatenraum als erster von neun sektoriellen, aber interoperablen Datenräumen entstehen. Damit wird ein europäischer Binnenmarkt für Gesundheitsdaten geschaffen.

Zwar gibt es mit der Gutheissung der WBK-S-Kommissionsmotion im Ständerat erfreuliche Ansätze. Nun muss aber der Zweitrat die Motion gutheissen und dann muss der Bundesrat die nötige Arbeit rasch an die Hand nehmen.

Die Forderung nach einem rechtlichen Rahmen für die Nutzung der Gesundheitsdaten gibt es bereits seit mehreren Jahren, gerade von Interpharma. Im Oktober 2022 haben wir ein entsprechendes Rechtsgutachten präsentiert, welche diese Forderungen unterstützt. Dieses Gutachten stellt fest, dass die uneinheitliche rechtliche Regelung heute eine grosse Hürde für eine stärkere und bessere Nutzung von Gesundheitsdaten ist.

Die Pharmaindustrie leistet einen sehr wichtigen Beitrag zur Gesundheitsversorgung und zum wirtschaftlichen Wohlstand in unserem Land – und dies wollen auch weiterhin sicherstellen. Deshalb will Interpharma sich 2023 insbesondere in folgenden Bereichen einbringen:

Erstens: Der Pharma- und Forschungsstandort Schweiz ist auf geregelte Beziehungen zu unseren Partnern im Ausland, insbesondere zur Europäischen Union angewiesen. Denn Offenheit und Vernetzung gehören zum Erfolgsrezept der Schweiz. Entsprechend müssen nun die Bilateralen Beziehungen dringend stabilisiert werden. Dieses Dossier muss in diesem Jahr rasch vorangetrieben werden und auf eine Lösung für eine stabile Beziehungen mit unserem wichtigsten Handelspartner hingearbeitet werden. Ich erinnere hier nochmals an die Pharmaceutical Strategy for Europe. Zudem befürworten wir weitere Freihandelsabkommen sowie Abkommen über Forschung und Digitalisierung, auch mit soliden Partnern ausserhalb der EU. Das MRA im Bereich der guten Herstellungspraxis mit den USA zeigt, dass es möglich ist, mit wichtigen Partnern rasch zu pragmatischen Lösungen zu kommen. Diesen Ansatz muss die Schweiz weiterverfolgen.

Zweitens ist es zentral, dass der Bund bei der Digitalisierung endlich Nägel mit Köpfen macht: Wir müssen in der Schweiz sehr rasch und vor allem gemeinsam ein Datenökosystem aufbauen. Es braucht eine gemeinsame Vision und einen klaren, einheitlichen rechtlichen Rahmen. Das Schweizer Gesundheitsdatenökoystem muss zudem mit anderen Datenökosystemen kompatibel sein – insbesondere dem Europäischen Gesundheitsdatenraum. Wir müssen das Tempo hier hoch halten, denn die Gefahr ist gross, dass wir international den Anschluss noch weiter verlieren. 

Und drittens erwarten wir sehnlichst den Bericht zum Postulat Schmid, welcher eine Auslegeordnung dazu verlangt, was zur Stärkung unseres Pharma- und Biotechnologie-Standorts getan werden könnte. Wir erwarten, dass aus dem Bericht dann konkrete und umsetzbare Massnahmen hervorgehen. Vom Bundesrat erwarten wir, dass er rasch und entschlossen handelt, damit der Standort nicht an Wettbewerbsfähigkeit verliert.

Über uns

Interpharma ist der Verband der forschenden pharmazeutischen Firmen der Schweiz und wurde 1933 als Verein mit Sitz in Basel gegründet.

Interpharma informiert die Öffentlichkeit über die Belange, welche für die forschende Pharmaindustrie in der Schweiz von Bedeutung sind sowie über den Pharmamarkt Schweiz, das Gesundheitswesen und die biomedizinische Forschung.

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