Blogserie zur Jahresmedienkonferenz, Teil 3 - Dr. René Buholzer: Beziehungen zur EU müssen dringend stabilisiert werden - Interpharma

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14. Februar 2022

Blogserie zur Jahresmedienkonferenz, Teil 3 – Dr. René Buholzer: Beziehungen zur EU müssen dringend stabilisiert werden

Beitrag von Dr. René Buholzer, CEO & Delegierter des Vorstandes Interpharma

Die Pharmabranche hat eine sehr grosse wirtschaftliche Bedeutung für den Standort Schweiz. Doch der Stillstand im EU-Dossier wird zunehmend zu einer Hypothek. Nun ist es entscheidend, dass Regierung und Politik aktiv an den Beziehungen zum wichtigsten Handelspartner der Schweiz arbeiten – denn es steht viel auf dem Spiel.

Die Schweizer Pharmaindustrie stellte 2021 direkt und indirekt rund 256’200 Arbeitsplätze und erzielte 61.4 Milliarden Franken Wertschöpfung. Sie ist zudem die wichtigste Exportbranche der Schweiz: 42% der Gesamtausfuhren werden von der Pharmabranche realisiert. Dieser Wert hat sich in den vergangen 20 Jahren verdoppelt. Im Jahr 2021 haben die Pharmaexporte die 100 Mrd. Franken-Grenze nicht nur erreicht, sondern mit Ausfuhren von insgesamt 109 Mrd. Franken weit übertroffen.

Damit ist die Pharmaindustrie einer der wichtigsten Pfeiler und der eigentliche Motor der Schweizer Wirtschaft. Diesen Motor am Laufen halten zu einem nicht unwesentlichen Teil die Märkte der  Europäischen Union: Die EU ist mit 48% der Exporte der mit Abstand wichtigste Absatzmarkt der Pharmaindustrie. Umgekehrt kommen übrigens auf der Seite der Importe 52% der aktiven Wirkstoffe, 93% der Antibiotika und 77% der Impfstoffe aus der EU.

Deshalb setzen wir als Pharmabranche uns mit Nachdruck für die Sicherung und Stabilisierung der bilateralen Beziehungen zwischen der Schweiz und der EU ein. Doch aktuell passiert auf politischer Ebene wenig und das gibt Anlass zur Sorge.

Pharmabranche: Motor der Schweizer Wirtschaft

Eine wettbewerbsfähige Schweiz braucht stabile Beziehungen zur EU

Die Wettbewerbsfähigkeit des Pharmastandorts Schweiz hängt zu einem beträchtlichen Teil von stabilen und geregelten Beziehungen mit der Europäischen Union ab. Dabei sind für die Pharmabranche vor allem die folgenden drei Verträge von zentraler Bedeutung:

  • Erstens ermöglicht das Abkommen zur Beseitigung der technischen Handelshemmnisse (kurz MRA) stabile Liefer- und Absatzketten zu wettbewerbsfähigen Kosten. Wie bereits erwähnt, gehen über 45% der Pharmaexporte in die EU. Ohne das MRA fallen alleine für unsere Branche jährlich zusätzliche Kosten von rund einer halben Milliarde Franken an.
  • Zweitens ist das Forschungsabkommen durch die internationale Vernetzung mit weltweit führenden Forschenden für den Wissenschaftsstandort Schweiz von herausragender Bedeutung – insbesondere mit Blick auf die EU. Fast 9‘000 Schweizer Projektbeteiligungen wurden seit 2007 über das EU-Rahmenprogramm finanziert. Davon wurden 2‘200 Projekte von Schweizer Forschern geleitet. Gemäss BAK Economics lässt ein Franken für die Forschung aus dem umkämpften Fördertopf der EU-Programme das Bruttoinlandprodukt in der Schweiz um 6.30 Franken ansteigen. Wird hingegen ein Franken in Eigenregie gezahlt, also ohne den internationalen Wettbewerbsdruck und die Netzwerkeffekte, lässt er das BIP nur um 5.20 Franken steigen. Das entspricht einem Mehrwert der EU-Förderbeiträge von rund 2 Milliarden Franken pro Jahr.
  • Und drittens stellt das Personenfreizügigkeitsabkommen sicher, dass die Pharma-Unternehmen, welche einen überdurchschnittlichen Bedarf an hochqualifizierten Mitarbeitenden haben, unkompliziert und mit wenig Bürokratie die nötigen Fachkräfte anstellen können. Der Schweizer Arbeitsmarkt ist für die hohe Nachfrage nach hochqualifizierten Arbeitskräften zu klein. Der Zugang zu internationalen Fachkräften ist für unsere Branche deshalb von zentraler Bedeutung. Die Einführung eines Kontingentssystems würde die heutigen Regulierungskosten um das 17-fache erhöhen. Der Gesamtwert des Abkommens wird mit rund 14 Milliarden Franken jährlich beziffert.

Die EU ist ohne eine Lösung zu den institutionellen Fragen bekanntlich nicht mehr bereit, die Bilateralen weiterzuentwickeln. Das bedeutet einerseits, dass bestehende Abkommen erodieren, weil sie nicht aktualisiert werden können. Wir sehen, dass das schon heute die Forschung betrifft, mittelfristig wird es auch das MRA im Pharmabereich betreffen. Andererseits heisst das, dass wichtige neue Abkommen nicht abgeschlossen werden. Hier sind zum Beispiel die Energieversorgung oder die Zusammenarbeit im Gesundheitswesen zu nennen.

Erosion der Bilateralen gefährdet bis 2033 25 Milliarden an Wertschöpfung

Mit der Erosion der Bilateralen und der entstehenden Unsicherheit steht so alles in allem bis 2033 allein in der Pharmabranche eine kumulierte Wertschöpfung von insgesamt über 25 Milliarden Franken auf dem Spiel. Was die Pharmaindustrie im Moment mitunter am dringendsten braucht, ist also Stabilität in den Beziehungen zur EU.

Für Interpharma ist prioritär, dass Regierung und Politik nun endlich aktiv und konstruktiv und mit dem nötigen Bewusstsein für die Dringlichkeit an den Beziehungen mit der EU arbeiten. Im Moment wird uns leider eher der Eindruck vermittelt, dass die Politik auf das Prinzip Hoffnung setzt.

Interpharma stellt daher drei zentrale Forderungen:

Erstens ist die Erosion der bestehenden Abkommen mit der EU unbedingt zu verhindern. Die Personenfreizügigkeit, das Abkommen zum Abbau technischer Handelshemmnisse und die Forschungskooperation müssen weitergeführt werden.

Zweitens: Es braucht dringend wieder Stabilität in den Beziehungen zur EU. Die Politik muss nun Lösungswege erarbeiten, um diese Stabilität und die künftige Weiterentwicklung der Beziehungen sicherzustellen.

Drittens brauchen wir eine Reformagenda: Die Schweiz muss ihre Standortattraktivität stärken, beispielsweise bei der überfälligen Digitalisierung und der Schaffung von attraktiven Rahmenbedingungen für klinische Studien. Der Zugang zu weiteren internationalen
Märkten und Forschungsplätzen ist zu sichern. Wir denken hier insbesondere auch an ein MRA mit den USA.

Die Schweiz hat die Wettbewerbsfähigkeit ihres Standorts nicht auf ewig gepachtet.  Es ist daher prioritär, dass Regierung und Politik nun aktiv, konstruktiv und mit dem nötigen Bewusstsein für die Dringlichkeit an den Beziehungen mit unserem wichtigsten Handelspartner arbeiten.


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