Blogserie “Wer finanziert Medikamente?”, Teil 4: Pharmazeutische Innovationen kommen der Allgemeinheit zugute - Interpharma

Beitrag teilen auf:

9. August 2022

Blogserie “Wer finanziert Medikamente?”, Teil 4: Pharmazeutische Innovationen kommen der Allgemeinheit zugute

Dank der schnellen Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen war eine starke und wirksame Antwort auf die COVID-Pandemie möglich. Kritiker argumentieren, die Gesellschaft zahle doppelt für medizinische Innovationen: Zuerst über die Steuern für die staatliche Forschung und im Anschluss über die Krankenkassenprämien für die Beschaffung dieser Innovationen – so auch bei COVID-Arzneien und -Impfstoffen. In unserer Serie werfen wir einen Blick auf die Fakten. In Teil 4 zeigen wir auf, wie die gesamte Gesellschaft von innovativen Arzneien nicht nur gesundheitlich profitiert, sondern sogar Geld spart.

Neue, innovative Medikamente und Therapien bringen für die Gesellschaft vielfältige Vorteile mit sich. Am unmittelbarsten profitieren Patientinnen und Patienten von Innovationen: So steigen im Vergleich zu früheren Behandlungsmethoden etwa ihre Heilungschancen, sie genesen rascher oder erfreuen sich generell einer besseren Lebensqualität. Zweitens profitiert die ganze Gesellschaft von solchen Durchbrüchen. Denn verkürzte und verbesserte Heilungsprozesse reduzieren die Behandlungs- und Pflegekosten, was die Entwicklung der Gesundheitskosten dämpft. Die Patientinnen und Patienten können zudem rascher (oder überhaupt) wieder an den Arbeitsplatz zurückkehren, was die Sozialwerke entlastet. Drittens profitiert auch die Volkswirtschaft, da neue Medikamente Reinvestitionen in Forschung und Entwicklung ermöglichen. Das schafft Arbeitsplätze, generiert Wertschöpfung und höhere Steuereinnahmen.

Die mRNA-Technologie ist zudem ein gutes Beispiel für sogenannte Spillover-Effekte in der Forschung: Ein Durchbruch auf einem einzelnen Forschungsgebiet kann zu weiteren Erfolgen auf vielen anderen Gebieten führen. So könnte der erfolgreiche Einsatz im Kampf gegen COVID-19 nur den Anfang eines eindrücklichen Siegeszugs in der Medizin markieren. Ein grosser Vorteil der mRNA-Impfstoffe gegenüber herkömmlichen Vakzinen ist nämlich, dass sich verschiedene mRNAs einfach miteinander kombinieren lassen. Es ist daher denkbar, sich in Zukunft mit einer einzigen Impfung gegen mehrere Infektionskrankheiten zu schützen. Die mRNA-Impfstoffe besitzen zudem ein grosses Potenzial bei Krebserkrankungen. Sie könnten etwa Immunreaktionen gegen Tumore stimulieren oder auch verhindern, dass der Krebs nach einer erfolgreichen Therapie wieder zurückkehrt. Das sind nur wenige Beispiele, die Möglichkeiten der mRNA-Technologie für verschiedenste Krankheitsgebiete sind enorm und könnten die Medizin revolutionieren.

Erfolg soll sich lohnen

Dass Firmen wie Biontech oder Moderna nun die Früchte ihrer jahrzehntelangen, risikoreichen Arbeit ernten, ist richtig und wichtig. Die entscheidenden Risiken trugen sie über lange Jahre selbst, ohne nennenswerte staatliche Zuschüsse. Wenn ein Produkt nach langer Zeit tatsächlich auf den Markt kommt, hat es zwar ein Preisschild. So können die direkten Kosten (Medizinische und nichtmedizinische Kosten einer Behandlung) unter Umständen ansteigen. Entscheidend ist aber die gesamtgesellschaftliche Rechnung: Ein innovatives Arzneimittel kann nämlich die die indirekten Kosten einer Krankheit (Verlorengegangene Ressourcen, z.B. Arbeitszeit infolge Krankheit von Patienten) sowie intangiblen Kosten einer Krankheit (reduzierte Lebensqualität der betroffenen Patienten) stark reduzieren, indem die Innovation die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten verbessert und es ihnen sogar ermöglicht, schneller oder überhaupt wieder arbeitstätig zu sein. Volkswirtschaftlich gesehen, werden damit die gesamtgesellschaftlichen Kosten einer Krankheit deutlich kleiner.

Abbildung 1: Zusammensetzung der Gesamtkosten einer Krankheit. Quelle: Polynomics (2020), Gesellschaftliche Betrachtung der Krankheitskosten.

Eine kürzlich publizierte Studie von Frank Lichtenberg (2022) zeigt eindrücklich, wie pharmazeutische Innovationen Hospitalisierungen und die Sterblichkeit verringern.[1] Über die letzten 20 Jahre haben pharmazeutische Innovationen die frühzeitige Sterblichkeit bei unter 85-Jährigen beispielsweise um rund einen Drittel reduziert.​ Die Studie zeigt aber auch, dass etwa die Hospitalisierungen durch pharmazeutische Innovationen deutlich gesenkt werden. Er schätzt, dass dank neuen Medikamenten, die in den Jahren zwischen 1994 und 2010 in der Schweiz eingeführt wurden, allein im Jahre 2019 rund 2 Millionen weniger Krankenhaustage anfielen. Dies sind über 17% weniger Krankenhaustage und entspricht Einsparungen für das Gesundheitswesen von über 3 Milliarden Franken.​ Es kann also durchaus sinnvoll sein, dass bei einer Innovation die direkten Behandlungskosten steigen, während die indirekten und die intangiblen Kosten massiv sinken. ​Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht ist nämlich relevant, ob die Gesamtkosten der Krankheit durch die neuartige Behandlung sinken. Die Entwicklung der Zusammensetzung dieser Gesamtkosten ist dabei zweitrangig.​

Das gilt auch für COVID-19: Während eine Impfdosis im Mittel 20 bis 40 Franken kostet, wird der Nutzen einer Impfdosis mit rund 1’400 Franken pro Person beziffert: Die Verhinderung von Krankheitskosten und von wirtschaftsschädigenden Lockdowns, die Verlängerung von Leben – all dies führt zu einem hohen gesellschaftlichen Wert, der letztlich in keinem Verhältnis zu den Kosten der Arznei steht. Höchst wertvoll ist auch die sogenannte Innovationskooperation zwischen öffentlichen Institutionen und Privaten in der Schweiz – mehr dazu in Teil 5 der Serie.


[1] Lichtenberg, Frank (2022): The association between pharmaceutical innovation and both premature mortality and hospital utilization in Switzerland, 1996-2019. Swiss Journal of Economics and Statistics (2022), 158:7.


Alle Teile dieser Serie lesen:

Teil 1: COVID-19-Impfstoffe – Ein Erfolg mit Schattenseiten?

Teil 2: mRNA – älter als gedacht

Teil 3: Keine Innovation ohne private Investitionen

Teil 4: Pharmazeutische Innovationen kommen der Allgemeinheit zugute

Teil 5: Bewährte Innovationskooperation zum Wohle aller

Samuel Lanz

Mitglied der Geschäftsleitung / Leiter Kommunikation

+41 79 766 38 86

Über uns

Interpharma ist der Verband der forschenden pharmazeutischen Firmen der Schweiz und wurde 1933 als Verein mit Sitz in Basel gegründet.

Interpharma informiert die Öffentlichkeit über die Belange, welche für die forschende Pharmaindustrie in der Schweiz von Bedeutung sind sowie über den Pharmamarkt Schweiz, das Gesundheitswesen und die biomedizinische Forschung.

Jahresbericht

Informationen zu unseren Kennzahlen und Aktivitäten im Geschäftsjahr 2020

mehr lesen

Board & Geschäftsstelle

Interpharma stellt sich vor

mehr lesen

Publikationen

Publikationen bestellen und herunterladen

mehr lesen

Vision & Mission

Mehr zu den Aufgaben und übergeordneten Zielen von Interpharma

mehr lesen

Kontakt

Setzen Sie sich mit uns in Verbindung

mehr lesen

Medien

Aktuelle Informationen und Medienkontakte für Medienschaffende

mehr lesen