Blogserie AMR awareness week 2022, Teil 2: Interview mit Barbara Polek, Managing Director Roundtable on Antibiotics - Interpharma

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21. November 2022

Blogserie AMR awareness week 2022, Teil 2: Interview mit Barbara Polek, Managing Director Roundtable on Antibiotics

Antibiotikaresistenzen (AMR) sind eine zunehmende Bedrohung. Verschiedene Initiativen auf nationaler und globaler Ebene laufen, um dem Problem entgegenzutreten. Eine davon ist der Round Table Antibiotika in der Schweiz. Barbara Polek erklärt im Interview, was es damit auf sich hat.

Frau Polek, was macht der Round Table on Antibiotics und wie ist er entstanden?

Der Round Table on Antibiotics konstituierte sich im Juni 2019 offiziell als nicht-gewinnorientierter Verein. Erste Aktivitäten hatten die späteren Gründungsmitglieder, die aus den Bereichen der Wissenschaft, Industrie und der nationalen Politik stammten, allerdings schon seit 2017 geleistet. Der Anlass, der die Mitglieder der ersten informellen Gruppe und später der offiziellen Vereinsmitglieder zusammenkommen liess, war die Besorgnis, dass die zunehmenden antimikrobiellen Resistenzen weltweit, und somit auch in der Schweiz, sehr hohe und zunehmende gesundheitliche und allgemein gesellschaftliche Kosten zeitigen werden, und das Ziel, aktiv Massnahmen zur Entschärfung des Problems beizutragen.

Multiresistente Keime sind weltweit auf dem Vormarsch. Was könnten die Folgen davon sein?

Die Folgen der – von der WHO in einem kürzlich erschienenen Bericht festgestellten – unzureichenden Entwicklungstätigkeit zeigen sich schon seit längerer Zeit: Grosse internationale Pharmaunternehmen haben Ihre Antibiotika-Forschungsprogramme eingestellt, z. B. AstraZeneca im Jahr 2016, Sanofi und Novartis im Jahr 2018. Gleichzeitig sind innovative Start-ups und KMU zwar technologisch, aber nicht wirtschaftlich erfolgreich und laufen Gefahr, konkurs zu gehen oder ihre Aktivitäten mangels Finanzierung aufgeben zu müssen. Zuletzt meldeten 2019 Achaogen und Melinta Therapeutics, zwei der führenden Entwickler von Antibiotika, Konkurs an, obwohl sie gerade neue Produkte auf den Markt gebracht hatten. Die Folgen zeigen sich aber auch in bei der Versorgungssicherheit, wie das BAG in seinem Versorgungsbericht vom 1. Februar 2022 aufzeigt: “Die am häufigsten von Engpässen betroffenen lebenswichtigen Arzneimittel waren in allen Berichtsjahren Antiinfektiva, welche zwischen 33 % und 48 % aller Versorgungsstörungen ausmachten (2017: 33 %; 2018: 33 %; 2019: 34 %; 2020: 48 %)“. Versorgungsstörungen können auch als Folge von Marktrückzügen auftreten[1].

Wie unterscheidet sich der Antibiotikamarkt von anderen Arzneimittelmärkten? Warum gibt es heute zu wenig Antibiotika?

Anders als bei anderen Arzneimitteln nimmt die Wirkung von Antibiotika wegen der Resistenzbildung der Bakterien über die Zeit ab. Dieser Prozess wird angetrieben durch jeden Einsatz von Antibiotika, nicht nur in der Human-, sondern auch in der Tiermedizin und in der Landwirtschaft. Er kann durch den verantwortungsvollen, d.h. geringeren und gezielteren Einsatz von Antibiotika, sogenannte „Stewardship“ Massnahmen, verlangsamt und zum Teil sogar umgekehrt werden. Die gängigen Preisbildungsmethoden, inklusive durch Health Technology Assessments (HTA)[2], berücksichtigen den besonderen Wert von Antibiotika zur Gewährleistung von Wirksamkeit und Sicherheit vieler medizinischer Massnahmen in hochentwickelten Gesundheitssystemen nicht. Die abnehmende Wirksamkeit, reduzierte Mengen und tendenziell zu tiefe Preise beeinflussen die Antibiotikamärkte:

Diese sind gekennzeichnet durch (i) abnehmenden therapeutischen und monetären Wert der Medikamente bei aufkommender Antibiotikaresistenz, (ii) Stewardshipmassnahmen, welche den Kapitalwert aufgrund geringerer Umsätze reduzieren, (iii) hohe Opportunitätskosten und geringen Kapitalwert von Antibiotika-Entwicklungsprojekten und (iv) kleine Märkte mit geringen Gewinn-spannen in Verbindung mit hohem Preisdruck. Die Kombination dieser Faktoren kann durch regulatorische Änderungen überwunden werden, d.h. durch eine Änderung der Spielregeln, analog zu den Massnahmen, mit denen die Investitionstätigkeit für Orphan-Medikamente zur Behandlung seltener Krankheiten gefördert wird. Am vielversprechendsten sind sogenannte Pull-Anreize und anderer entkoppelter Vergütungsmodelle, die einen angemessenen Umsatz und Gewinn unabhängig von den verkauften Produktmengen erzielen lassen. Die Vergütungsbeträge sollen zudem auch die Rolle der Antibiotika zur Gewährleistung von Wirksamkeit und Sicherheit von hochentwickelten Gesundheitssystemen abbilden. In Forschung, Industrie und Politik werden derzeit mehrere solche Pull-Modelle diskutiert.

Die Schweiz gilt als weltweit führender Innovationsstandort für Life Sciences. Was muss die Schweiz tun, um mitzuhelfen, Antibiotikaresistenzen wirksam zu bekämpfen?

Der 2015 von der WHO verabschiedete globale Aktionsplan gegen antimikrobielle Resistenzen  definiert ein umfassendes Paket von Zielen und Massnahmen zur Bekämpfung von AMR: (i) Bewusstseinsbildung durch wirksame Kommunikation, Bildung und Schulung, (ii) Überwachung und Forschung zum Verständnis von Antibiotikaresistenzen und -verbrauch, (iii) Infektionsprävention, Hygiene und wirksame sanitäre Einrichtungen, (iv) ein optimierter Einsatz antimikrobieller Arznei-mittel bei Mensch und Tier, und schliesslich (v) verstärkte Investitionen in Arzneimittel, Diagnostik, Impfstoffe und andere Massnahmen, vor allem zur Behandlung von Infektionen, bei denen die vorhandenen Antibiotika versagt haben. Die in der Schweizerischen Strategie Antibiotikaresistenzen definierten Handlungsfelder folgen diesem Plan. Als Standort einer bedeutenden Pharma- und Biotechindustrie und eines der am besten ausgebauten Gesundheitssysteme ist sie besonders prädestiniert dazu beizutragen, die Investitionen in therapeutische Massnahmen attraktiver zu machen.

Wie könnten konkrete Massnahmen aus Sicht des Runden Tisches aussehen?

Der Round Table Antibiotika empfiehlt innovative Vergütungssysteme zu schaffen, die den Herstellern unabhängig von der verkauften Produktmenge einen angemessenen Ertrag sichern. Solche Modelle werden als “Pull”-Anreizsysteme bezeichnet, weil sie als Signale des Marktes an die Hersteller und ihre Investoren wirken, neue Antibiotika zu entwickeln und auf den Markt zu bringen.

Schweden und England pilotieren unterschiedlich ausgeprägte Abonnementsmodelle, und auch dem Pasteur Act, der im US-Kongress eingebracht wurde, liegt ein solches Modell zugrunde. Damit nationale Initiativen eine Anreizwirkung für Investoren entfalten können, müssen sich möglichst viele Länder anschliessen. Dabei ist es nicht erforderlich, dass alle Länder dasselbe Modell einsetzen.

Die Schweiz soll einen Pull-Anreizmechanismus auswählen, spezifizieren und zunächst in einem Pilotversuch testen. Und so, wie die Schweiz von den Erfahrungen von Schweden und England lernen darf, soll sie mit der Hilfe ihrer Diplomatie auch dazu beitragen, anderen Ländern einen Weg aufzuzeigen, ein für sie geeignetes Pull-Anreizsystem zu definieren und zu implementieren.


[1] BAG-Bericht Arzneimittelversorgungsengpässe, 1. Feb.2022

[2] Die systematische Bewertung medizinischer Verfahren und Technologien wird mit dem Begriff Health Technology Assessment (HTA) bezeichnet. Ziel dieser Nutzenbewertung ist es, das Gesundheitswesen für Innovationen offen zu halten, um die Qualität der Versorgung und die Behandlungsergebnisse zu verbessern.

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