Blogserie AMR awareness week 2022, Teil 1: «Neue Antibiotika sollten als Versicherung für künftige Gesundheitskrisen angesehen werden» - Interpharma

Beitrag teilen auf:

18. November 2022

Blogserie AMR awareness week 2022, Teil 1: «Neue Antibiotika sollten als Versicherung für künftige Gesundheitskrisen angesehen werden»

Antibiotikaresistenzen sind ein wachsendes Problem. Zur Eindämmung der Resistenzbildung ist nicht nur wichtig, dass Antibiotika in der Human- und Tiermedizin sachgemäss eingesetzt werden, sondern auch, dass überhaupt wirksame Antibiotika zur Verfügung stehen. Die Erforschung und Entwicklung neuer Antibiotika ist wissenschaftlich äusserst anspruchsvoll. Zusätzlich bremsen Fehlanreize deren Entwicklung und Markteinführung. Im Interview erklärt Heiner Sandmeier, Stv. Geschäftsführer von Interpharma, welche Änderungen es braucht, um die Entwicklung neuer wirksamer Antibiotika zu fördern.

Herr Sandmeier, warum sind Antibiotikaresistenzen so ein grosses Thema?

Die Markteinführung von Penicillin im Jahr 1942 veränderte die Medizin wie kaum ein anderes Medikament zuvor. Viele Krankheiten, welche dazumal einem Todesurteil gleichkamen, wie beispielsweise eine Lungenentzündung, waren plötzlich behandelbar. Und auch heute noch sind sie aus der modernen Medizin nicht wegzudenken. Sei es etwa bei der Behandlung einer schweren Infektion oder auch begleitend zu Chemotherapien zur Behandlung von Krebs.

Aber über die letzten Jahrzehnte hinweg wurden Krankheitserreger vermehrt resistent gegen Antibiotika. Allein in der Schweiz hat sich die Zahl der Todesfälle im Zeitraum von 2010 bis 2020 in Zusammenhang mit antibiotikaresistenten Bakterien von 136 auf 286 verdoppelt. Betrachtet man das globale Bild, gehen Prognosen von jährlich 10 Millionen Todesfällen im Jahr 2050 aus. Nicht umsonst sprechen viele Experten hier von einer stillen Pandemie, die sich schleichend und von vielen unbemerkt, aber dennoch rasant ausbreitet.

Die Vorstellung, dass immer mehr Patientinnen und Patienten nicht mehr geholfen werden kann, weil es aufgrund von antimikrobiellen Resistenzen keine wirksamen Antibiotika mehr gibt, ist schlichtweg katastrophal.

Angesichts der grossen Gefahr durch antibiotikaresistente Keime: Tut die Pharmaindustrie denn zu wenig in diesem Bereich?

Da tut sich sogar sehr viel! Die Industrie ist sich ihrer Verantwortung bewusst und engagiert sich stark. Acht Mitgliederfirmen von Interpharma forschen derzeit an neuen Antibiotika: Roche, Janssen / J&J, Pfizer, MSD, GSK, Merck, Sanofi und Boehringer Ingelheim. Dazu kommen über 80 weitere Firmen und Start-Ups, die sich ebenfalls zum Ziel setzen, neue Antibiotika zu entwickeln. Zudem beteiligt sich die Industrie auf nationaler wie globaler Ebene in mehreren Allianzen. 2020 etwa haben Pharmafirmen mit Partnern den heute über 1 Mrd. Dollar schweren AMR Action Fund gegründet, um die klinische Entwicklung von Antibiotika zusätzlich voranzutreiben – das ist nur ein Beispiel von mehreren solchen Initiativen.

Wo ist denn der Haken?

Es gibt leider noch immer einige grosse Hürden. Fakt ist: Bei neuen Antibiotika-Klassen erreicht nur jeder 30. Wirkstoff-Kandidat in der präklinischen Entwicklung den Patienten – alle anderen scheitern. Die hohen wissenschaftlichen Hürden widerspiegeln sich in den Entwicklungskosten, die seit Jahren steigen: Die Entwicklung eines Antibiotikums kostet im Schnitt rund eine Milliarde Franken und dauert gut und gerne bis zu fünfzehn Jahre. Zudem gibt es faktisch keinen funktionierenden Markt: Heute werden neu zugelassene Antibiotika nur als Reservemedikament eingesetzt, um die Resistenzbildung so lange wie möglich zu verzögern. Nun ist das natürlich sinnvoll. Für die Hersteller heisst das jedoch, dass sie mit neuen Antibiotika kaum Umsätze machen und somit die hohen Forschungs- und Entwicklungskosten bei weitem nicht kompensieren können. Selbst wenn es Firmen also schaffen, ein marktreifes Antibiotikum hervorzubringen, gehen viele von ihnen konkurs.

Wie lässt sich dieses Problem lösen?

Wir haben es mit einem klassischen Marktversagen zu tun und daher braucht es neue Marktanreize, um dieses Marktversagen zu überwinden. Kurz: Die Forschung und Entwicklung von Antibiotika muss sich für die Firmen wieder lohnen. Neben Anreizen für die Forschung, sind Marktanreize gleichermassen notwendig. Auch der Bund steht hier in der Verantwortung: Er muss seinen Beitrag leisten und solche Marktanreize setzen.

Antibiotikaresistenzen sind ja aber nicht ein reines Schweizer Problem. Was tun denn andere Länder?

Richtig. Damit die Anreize wirken, müssen genügend Länder solche Anreize einführen. Gerade die Schweiz, mit Ihrer weltweiten Spitzenposition in Forschung und Industrie, wäre eigentlich dafür prädestiniert, hier voranzugehen. In der Realität sieht es leider anders aus: In den USA, Deutschland und in der EU werden geeignete Modelle intensiv diskutiert. In Grossbritannien und Schweden sind solche Modelle bereits im Praxistest. Leider hat der Bund hier aber nicht vorwärtsgemacht und die Schweiz hinkt hinterher.

Was erwarten Sie denn konkret von der Politik?

Erstens sollte die Schweiz, wie auch andere europäische Länder, neue Marktanreize für die Einführung und Vergütung von neuen Antibiotika entwickeln. Ich sehe hier Pilotprojekte als geeignetes Mittel, um jenen Investitionsanreiz finden, der für die Schweiz am besten passt.

Zweitens braucht es bei der Preisfestsetzung von neuen Antibiotika ein Umdenken: Neue Antibiotika werden zurückbehalten und kommen erst zum Zug, wenn die «alten» nicht mehr helfen. Daher gibt es ja in der Gegenwart auch keinen wirklichen Markt dafür. Dieser Aspekt ist aber bei der Preisfestsetzung von Antibiotika heute nicht berücksichtigt. Wirksame Reserveantibiotika sollten als Versicherung für künftige Gesundheitskrisen angesehen werden. Bei der Preisfestsetzung sollte deshalb nicht nur der Wert für Patientinnen und Patienten, sondern auch dieser gesellschaftliche Wert berücksichtigt werden.

Wie könnten solche Anreize aussehen?

Denkbar wären eine Markteintrittsprämie, ein Abo-Modell, eine Abnahmegarantie oder das Handeln von übertragbaren Gutscheinen. Die Hersteller würden sich für diese Anreize im Gegenzug dafür verpflichten, die Versorgung im Markt zu garantieren.

So hat beispielsweise Schweden bereits im Juli 2020 jährlich garantierte Zahlungen im Rahmen von Pilotprojekten mit den Herstellern vereinbart.

Mehr erfahren zum Thema Antibiotika-Resistenzen

Fakten & Positionen von Interpharma

Samuel Lanz

Mitglied der Geschäftsleitung / Leiter Kommunikation

+41 79 766 38 86

Über uns

Interpharma ist der Verband der forschenden pharmazeutischen Firmen der Schweiz und wurde 1933 als Verein mit Sitz in Basel gegründet.

Interpharma informiert die Öffentlichkeit über die Belange, welche für die forschende Pharmaindustrie in der Schweiz von Bedeutung sind sowie über den Pharmamarkt Schweiz, das Gesundheitswesen und die biomedizinische Forschung.

Jahresbericht

Informationen zu unseren Kennzahlen und Aktivitäten im Geschäftsjahr 2021

mehr lesen

Board & Geschäftsstelle

Interpharma stellt sich vor

mehr lesen

Publikationen

Publikationen bestellen und herunterladen

mehr lesen

Vision & Mission

Mehr zu den Aufgaben und übergeordneten Zielen von Interpharma

mehr lesen

Kontakt

Setzen Sie sich mit uns in Verbindung

mehr lesen

Medien

Aktuelle Informationen und Medienkontakte für Medienschaffende

mehr lesen