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18. November 2021

AMR-Serie, Teil 2: Antimikrobielle Resistenzen – der Schweizer Markt braucht Anreize für Forschung und Entwicklung

Blogserie zur World Antimicrobial Awareness Week

Zur Eindämmung der Resistenzbildung ist nicht nur der sachgemässe Antibiotikaeinsatz in der Human- und Tiermedizin sicherzustellen, sondern auch, dass wirksame Antibiotika zur Verfügung stehen[1]. Die Erforschung und Entwicklung neuer Antibiotika ist wissenschaftlich äusserst anspruchsvoll. Zusätzlich bremsen Fehlanreize deren Entwicklung und Markteinführung. Im Interview erklärt René Buholzer, Geschäftsführer von Interpharma , welche Änderungen es braucht, um die Entwicklung neuer Antibiotika zu fördern.

Die Antibiotika-Pipelines vieler Pharmaunternehmen werden als ungenügend eingestuft[2]. Weshalb?

Die Herausforderungen und Dynamik des Antibiotikamarktes sind einzigartig. Um die Resistenzbildung so lange wie möglich zu verzögern, werden neu zugelassene Antibiotika nur als Reservemedikament eingesetzt. Das bedeutet für die Hersteller, dass diese kaum Umsätze machen und somit die Forschungs- und Entwicklungskosten bei weitem nicht kompensieren können. Wir haben es hier also mit einem strukturellen Problem zu tun. Dennoch gibt es einige Pharmaunternehmen, wie beispielsweise MSD, Roche, Janssen oder Pfizer , die sich der Herausforderung der Forschung und Entwicklung von Antibiotika annehmen. Um die Entwicklung und Erforschung im Bereich Antibiotika zu fördern, braucht es aber dringend neue Instrumente und Anreize, die unabhängig von der Verschreibungsmenge sind.

Wie können solche neuen Marktanreize ausgestaltet werden?

Bei der Erforschung und Entwicklung neuer Antibiotika genügt es nicht, nur Anreize für die Forschung zu setzen («Push Incentives»). Ebenso wichtig sind direkte Marktanreize («Pull Incentives»). Denn neue Antibiotika werden zurecht nur sehr zurückhaltend eingesetzt, weshalb die Umsätze zu den üblichen Preisen nicht genügen, um die Risikoinvestitionen der Hersteller zu decken. Solche neuen Anreize könnten Markteintrittsprämien oder jährlich garantierte und von den Verkäufen unabhängige Vergütungen darstellen. Die Hersteller würden sich für diese Anreize im Gegenzug dafür verpflichten, die Versorgung im Markt zu garantieren.

Gibt es europäische Märkte, die solche Anreize bereits anwenden?

England plant ab Frühjahr 2022, jährliche garantierte Zahlungen an deren Hersteller für zwei neue Antibiotika unabhängig von den Verkäufen einzuführen. Für die Höhe der Zahlungen berücksichtigt das englische HTA den Nutzen für die Patientinnen und Patienten und die Gesellschaft. Deutschland hat sein Bewertungsverfahren so angepasst, dass höhere Preise im Einklang mit dem Nutzen möglich sind. Schweden hat bereits im Juli 2020 jährlich garantierte Zahlungen im Rahmen von Pilotprojekten mit Herstellern vereinbart.

Die Schweiz gilt als weltweit führender Innovationsstandort für Life Sciences. Was müssen wir unternehmen, um auch im Bereich der Antimikrobiellen Resistenzen verstärkt Innovationen hervorzubringen?

Erstens sollte die Schweiz, wie andere europäische Länder, neue Marktanreize für die Einführung und Vergütung von neuen Antibiotika entwickeln. Ich sehe hier Pilotprojekte als geeignetes Mittel, um die für die Schweiz am besten geeigneten Instrumente und Marktanreize zu evaluieren.

Zweitens müssen wir bei der Preisfestsetzung von neuen Antibiotika auch den gesellschaftlichen Nutzen berücksichtigen: Wirksame Reserveantibiotika sind eine Versicherung gegen Gesundheitskrisen durch multiresistente Keime. Bei der Preisfestsetzung sollte deshalb nicht nur der Wert für Patientinnen und Patienten, sondern auch der gesellschaftliche Wert berücksichtigt werden.

Die Bedrohung durch Antimikrobielle Resistenzen ist ein globales Thema. Wie sinnvoll ist es daher, Lösungen für einzelne Länder anzuschauen?

Wenn wir das Thema AMR nicht verstärkter angehen, kann die Resistenz-Problematik in einer noch grösseren Pandemie enden. Denn bereits heute zeigen Resistenztrends eine Verminderung der Wirksamkeit von Antibiotika auf[3] und Prognosen deuten darauf hin, dass diese Resistenzen bis 2050 zu jährlich zehn Millionen Todesfälle führen[4]. Über den Global Action Plan (GAP) adressiert die WHO weltweit die ökonomischen Bedingungen und fordert nachhaltige Investitionen in neue Medikamente, Diagnostika und Vakzine. Zur Erreichung ruft die WHO die einzelnen Staaten auf, innovative Ideen für die Finanzierung von Forschung und Entwicklung wie auch neue Marktmodellen, die Investitionen in neue Antibiotika ermöglichen und den Zugang sicherstellen, zu fördern. Denn von Innovationen einzelner Länder profitiert zum Schluss die gesamte Weltbevölkerung.


[1] Schweizerische Eidgenossenschaft (2015). Strategie Antibiotikaresistenzen (StAR). URL: https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/strategie-und-politik/nationale-gesundheitsstrategien/strategie-antibiotikaresistenzen-schweiz.html (10.10.2021).

[2] International Federation of Pharmaceutical Manufacturers & Associations (IFPMA). Policy Position Global Principles on Incentivizing Antibiotic R&D. 15 February 2021. URL: https://www.ifpma.org/resource-centre/global-principles-on-incentivizing-antibiotic-rd/ (07.10.2021).

[3] Bundesamt für Gesundheit (BAG). Strategie Antibiotikaresistenzen Bereich Mensch. URL: https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/strategie-und-politik/nationale-gesundheitsstrategien/strategie-antibiotikaresistenzen-schweiz.html (07.10.2021).

[4] Jim O’Neill et al. (2016): Tackling Drug-Resistant Infections Globally: Final Report and Recommendations: The Review on Antimicrobial Resistance. URL: https://amr-review.org/sites/default/files/160525_Final%20paper_with%20cover.pdf (10.10.2021).


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Fakten & Positionen von Interpharma

Dr. René P. Buholzer

Geschäftsführer

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