3 Fragen an Thorsten Hein - Mitglied Interpharma Board und Country Division Head Pharmaceuticals Bayer Schweiz - Interpharma

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12. Mai 2023

3 Fragen an Thorsten Hein – Mitglied Interpharma Board und Country Division Head Pharmaceuticals Bayer Schweiz

Wo sehen Sie die dringendsten Herausforderungen und Probleme für den Standort Schweiz und das Gesundheitswesen?

Zuallererst das Positive: Wir leben heute deutlich länger als früher. Nebst höherem Wohlstand und gesünderer Lebensweise liegt dies unter anderem auch daran, dass die Medizin von heute mehr möglich macht, als das noch vor einigen Jahrzehnten der Fall war und dass die Schweiz über ein erstklassiges Gesundheitssystem verfügt. Und das soll auch so bleiben, denn jeder Patient und jede Patientin soll Zugang zu bedürfnisgerechten Therapien haben. Die Herausforderung dabei ist jedoch, dass sich all diese Faktoren auf die Finanzierung des Gesundheitswesens auswirken und der Kostendruck auf das ganze System wie auch auf die/den Einzelne/n weiter zunehmen wird.

Wir müssen deshalb dringend Lösungen für unser Gesundheitswesen finden, die es effizienter oder effektiver machen, ohne dabei gleichzeitig den menschlichen Faktor aus den Augen zu verlieren – hier kann zum Beispiel die Digitalisierung eine entscheidende Rolle spielen. Aber im Vergleich zu anderen innovativen Ländern nutzt die Schweiz die Chancen der Digitalisierung noch zu wenig. Dabei würde sie dem Gesundheitssystem und dessen Akteuren wie auch den Patientinnen und Patienten viele Vorteile bieten, z.B. könnten die Behandlungsqualität und -Ergebnisse verbessert, Prozesse optimaler aufeinander abgestimmt und die zu Behandelnden stärker mitbeinbezogen werden. Dazu kommt ein enormes Einsparungspotential: McKinsey schätzt das Nutzungspotenzial aller Digitalisierungsmöglichkeiten im Schweizer Gesundheitssystem auf 8,2 Mrd. CHF pro Jahr.

Demgegenüber steht jedoch eine enorme Skepsis: Eine letztjährige Studie von Deloitte zeigte, dass in der Schweiz fast jede/r Zweite die Digitalisierung persönlicher Gesundheitsdaten ablehnt, hauptsächlich weil sie Daten-Missbrauch oder Überwachung befürchten. Das heisst, dass die Menschen die möglichen Gefahren stärker wahrnehmen oder gewichten als der mögliche oder wahrscheinliche Nutzen. Dies ist ganz anders in den skandinavischen Ländern, welche als Pioniere digitaler Gesundheitssysteme gelten. Vieles von dem, was bei uns erst noch diskutiert wird, wurde in Finnland, Norwegen, Dänemark und Schweden bereits angenommen und umgesetzt. ÄrztInnen und Forschende verfügen über umfassende elektronische Patientenakten und können somit datenbasierte Entscheidungen für die rund 27 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner treffen. Deren Vertrauen in den korrekten Umgang der Behörden mit ihren Daten ist gross.

Alle Akteure des Schweizer Gesundheitswesens und darüber hinaus stehen nun also vor der Aufgabe, das mangelnde Vertrauen auch hierzulande herzustellen. Wir müssen die Bedenken aufgreifen und auf sie eingehen sowie transparente, sichere und verständliche Lösungen anbieten, die den Patientinnen und Patienten einen konkreten Nutzen bieten. Wenn die Menschen wüssten, dass Digitalisierung und künstliche Intelligenz zum Beispiel in der Radiologie dazu beitragen könnten, schnellere und korrektere Diagnosen zu stellen und sie als Patientinnen und Patienten somit von einer früheren und besseren Behandlung profitieren könnten, wären sie der Digitalisierung gegenüber wahrscheinlich aufgeschlossener.



Welchen Schwerpunkt wollen Sie in Ihrer Rolle als Board Mitglied der Interpharma setzen?

Bei Bayer ist es unser zentrales Anliegen, KundInnen respektive PatientInnen in den Mittelpunkt zu stellen. Dieser Fokus ist mir auch als Mitglied des Interpharma-Boards sehr wichtig. Es ist essenziell, dass Patientinnen und Patienten möglichst rasch Zugang zu den Therapien erhalten, die sie brauchen und welche ihnen den grössten gesundheitlichen Nutzen verschaffen. Damit PatientInnen vom medizinischen Fortschritt profitieren können, bedarf es für neue Therapien schneller Zulassungsverfahren und rascher Aufnahme in die Kassenpflicht.

Dabei will ich aber auch den gesamtgesellschaftlichen Blick wahren, vor allem in Bezug auf die Qualität und die Finanzierung des Gesundheitswesens. Die Gesundheitskosten stehen im Fokus der gesellschaftlichen Diskussion, was aufgrund der steigenden Ausgaben auf den ersten Blick nachvollziehbar ist. In diesem Diskurs wird jedoch oft nicht oder nur ungenügend erwähnt, dass Medikamente einen bedeutenden Beitrag dazu leisten können, die Dauer von Krankheiten zu verkürzen. Viele dieser Krankheiten führen ohne die medikamentöse Behandlung zu Arbeitsausfällen und Spitalaufenthalten, die ebenfalls Kosten verursachen, welche die Gesellschaft zu tragen hat. Die Ausgaben, welche also auf beiden Seiten entstehen, müssen in Zukunft in der Diskussion noch besser gegeneinander abgewogen werden. Wichtig ist meines Erachtens auch der Ausbau von Präventions-Massnahmen, welche dazu beitragen können, viele Krankheitsfälle entweder ganz zu vermeiden oder die drohende Pflegebedürftigkeit hinauszuzögern.



Was muss unternommen werden, damit die Schweiz auch in Zukunft als Pharmastandort attraktiv bleibt?

Nebst der bereits erwähnten Digitalisierung spielen stabile wirtschaftspolitische und innovationsfreundliche Rahmenbedingungen eine entscheidende Rolle. Als Exportland ist die Schweiz auf eine gute internationale Vernetzung und auf funktionierende Handelsbeziehungen sowie offene Märkte angewiesen. Dies gilt vor allem für die pharmazeutische und chemische Industrie, macht sie doch mehr als die Hälfte der Schweizer Exporte aus. Deshalb müssen stabile Handelsbeziehungen mit der EU aber auch Freihandelsabkommen mit Ländern ausserhalb der EU gefördert respektive vorangetrieben werden.

Dies gilt auch für die Forschungszusammenarbeit auf internationaler Ebene, die Schweiz darf sich hier nicht weiter isolieren. Denn der aktuell eingeschränkte Zugang der Schweiz zum Forschungsprogramm Horizon Europe wirkt sich negativ auf Produktinnovationen und Wertschöpfungswachstum der chemisch-pharmazeutischen Industrie aus.

Wichtig ist auch die bevorstehende Umsetzung der OECD-Steuerreform und dass die erzielten Steuer-Mehreinnahmen in den Forschungsstandort Schweiz reinvestiert werden, um die Arbeitsplätze und den Wohlstand in der Schweiz zu sichern.  

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Interpharma ist der Verband der forschenden pharmazeutischen Firmen der Schweiz und wurde 1933 als Verein mit Sitz in Basel gegründet.

Interpharma informiert die Öffentlichkeit über die Belange, welche für die forschende Pharmaindustrie in der Schweiz von Bedeutung sind sowie über den Pharmamarkt Schweiz, das Gesundheitswesen und die biomedizinische Forschung.

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