Auf Qualität fokussieren

Das schweizerische Gesundheitswesen gilt im internationalen Vergleich als qualitativ hochstehend. Entsprechend positiv fällt das Urteil der Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger aus. Gemäss dem gfs-Gesundheitsmonitor 2015 beurteilen 69 Prozent die Qualität als gut oder sehr gut und weitere 27 Prozent als eher gut. Auch akzeptiert der grösste Teil der Bevölkerung den heutigen Leistungskatalog in zunehmendem Mass. Etwas Bewegung in die Einstellungen ist dort gekommen, wo Massnahmen zur Kostensenkung individuelle Auswirkungen zeigen könnten. So ist der Verzicht auf die freie Spitalwahl und der Therapiefreiheit mehrheitlich kein Tabu mehr; die Zustimmung hängt aber vom Mass der Kostensenkungen ab. Das gilt sicher nicht für den Zugang zu neuen Medikamenten, der gemäss mehrheitlicher Meinung von einem Deal zwischen Verzicht und Ersparnissen ausgenommen werden soll.

Alle Vorlagen erlitten beim Stimmvolk eine meist deutliche Abfuhr – so zuletzt die Managed care-Vorlage im Sommer 2012. Die Schweizerinnen und Schweizer sind - trotz vielfältiger Kritik - mit dem KVG nach wie vor zufrieden.

Kostenreduktion als Triebfeder

Viele Reformvorhaben sind allerdings von reinen Kostenüberlegungen getrieben. So war es letztlich auch mit der Managed care-Vorlage. Was eigentlich die Qualität der Versorgung der chronisch Kranken hätte verbessern sollen, wurde im Verlauf des Gesetzgebungsprozesses und im Abstimmungskampf weitgehend auf Kostenaspekte reduziert. Vor diesem Hintergrund ist es kaum verwunderlich, wenn sich die Reformdiskussion zurzeit vor allem noch um die Finanzierung, konkret um die Krankenversicherer, und nicht um die Leistungen des Gesundheitssystems dreht. Ein weiteres Mal wollen die Sozialdemokraten mit einer Initiative eine Einheitskasse durchsetzen und damit die Wahlfreiheit und die Konkurrenz in der Grundversicherung eliminieren.

All dies heisst allerdings nicht, dass im schweizerischen Gesundheitswesen Schweiz gar kein Reformbedarf besteht. Insbesondere ist es unerlässlich, im schweizerischen Gesundheitssystem wieder vermehrt Qualitätsdiskussionen zu führen, statt es in der Kostendiskussion untergehen zu lassen. Nach einer Studie von Prof. Elizabeth Olmsted Teisberg muss sich das Augenmerk der Gesundheitspolitik vielmehr auf die Steigerung des Patientennutzens richten und sich an der Qualität der Ergebnisse ("outcomes") orientieren.

Zur Versachlichung der Kostendiskussion würden Health Technology Assessments (HTA) beitragen. Die Pharmaindustrie und die santésuisse sind gemeinsam daran, die entsprechenden Grundlagen für ein solches System von Nutzenbewertungen von Gesundheitsleistungen zu entwickeln. Es könnte eine Basis für mehr Qualität wie auch Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen bilden.

Zweiklassenmedizin als Folge von Rationierung

Der Segen einer immer grösseren Lebenserwartung hat auch Schattenseiten, indem gewisse Krankheiten häufiger auftreten als in der Vergangenheit. Dazu gehören insbesondere verschieden Formen von Krebs sowie Demenz und Alzheimer. Daraus leiten sich immense Herausforderungen für die Forschung und für die Gesellschaft insgesamt ab. Es sind in diesem Zusammenhang nicht zuletzt auch ethische und moralische Aspekte, welche die künftige Gesundheitspolitik prägen werden. Wie viel darf ein zusätzliches Lebensjahr kosten, lautet die Frage, welche die Gesundheitsökonomen angesichts der steigenden Kosten umtreibt. Rechenmodelle gibt es verschiedene, doch münden sie immer in eine Rationierung der medizinischen Leistungen. Die Pharmaindustrie lehnt einen solchen Ansatz, mindestens so lang als noch erhebliche Rationalisierungen möglich sind, als unsozial ab, weil er unweigerlich zu einer Zweiklassenmedizin führt.

Es geht also nicht in erster Linie um wirtschaftliche Entscheide, sondern auch um soziale und noch viel mehr moralisch/ethische. Die entsprechende Diskussion ist in der Schweiz zwar angelaufen, wird aber noch zu wenig breit geführt. Gleiches gilt für die palliative Medizin. Zwar gibt es ein Versuchsregime des Bundes und eine zunehmende Akzeptanz, doch besteht über die Abgrenzung zur kurativen Therapie nach wie vor grösserer gesellschaftlicher Diskussionsbedarf.

Publikationen

Elisabeth Teisberg: Nutzenorientierter Wettbewerb im schweizerischen Gesundheitswesen
Möglichkeiten und Chancen, 2008
gfs Gesundheitsmonitor 2017