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Fachleute berichten

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«Die Stammzell-Therapie hat ein grosses Potenzial.»

Fragen an Professor Martin Stern, Abteilung für Hämatologie, Universitätsspital Basel

Wenn von Stammzell-Transplantation die Rede ist, sind meist Blut-Stammzellen gemeint. Bei welchen Erkrankungen können sie helfen?
Sie wird überwiegend für die Behandlung von bösartigen Knochenmarkskrankheiten (Leukämien) eingesetzt. Etabliert ist auch die Therapie von Krebserkrankungen (z.B. Lymphdrüsenkrebs), die auf konventionelle Chemotherapie nicht ansprechen. Selten wird die Stammzell-Transplantation auch zur Behandlung von nicht bösartigen Erkrankungen durchgeführt, z. B. bei angeborener Immunschwäche.

Welche Unterschiede bestehen zwischen einer so genannten «autologen» (autogenen) und «allogenen» Transplantation?
Bei der autologen Transplantation werden Stammzellen vom Patienten gesammelt und nach einer starken Chemotherapie wieder infundiert. Das Ziel ist eine rasche Regeneration der Knochenmarksfunktion. Diese Behandlungsform ist vergleichsweise nebenwirkungsarm, das Rückfall-Risiko jedoch hoch. Bei der allogenen Transplantation werden Stammzellen eines gesunden Spenders verabreicht. Der Vorteil dieser Behandlung ist, dass das Spender-Immunsystem mithelfen kann, die Krebserkrankung zu kontrollieren. Der Hauptnachteil besteht darin, dass sich die Spenderimmunität nicht nur gegen bösartige Zellen richtet, sondern auch die gesunden Organe des Patienten angreifen kann.

Professor Martin Stern, Abteilung für Hämatologie am Universitätsspital Basel, spricht im Interview über Blut-Stammzellen.

In der Schweiz sind 25 000 freiwillige Spenderinnen und Spender registriert. Reicht das?
Alle grossen nationalen Spenderegister tauschen Daten und Transplantat-Produkte untereinander aus. Weltweit sind mehr als 15 Millionen Spender registriert. Durch ein grösseres Schweizer Register steigt die Chance für einen individuellen Patienten auf einen kompatiblen Spender nur gering. Die Schweiz "importiert" jedoch seit Jahren mehr Transplantat-Produkte als sie ins Ausland liefert. Unsere Patienten profitieren also von den ausländischen Registern. Nur die Vergrösserung des Schweizer Registers könnte ein Gleichgewicht herstellen. 

Wie schwierig ist es denn, ein gewebeverträgliches Fremdtransplantat zu finden?
Das hängt stark vom genetischen Hintergrund des Patienten ab. Personen mitteleuropäischer Abstammung haben heute eine Chance von ca. 80%, einen kompatiblen Fremdspender zu finden. Die Wahrscheinlichkeit für Personen mit nicht-europäischem Hintergrund ist deutlich kleiner.

Blut-Stammzellen wurden der Spenderperson früher aus dem Knochenmark entnommen. Heute werden sie meist aus dem Blut gewonnen. Worin besteht der Vorteil? 
Die Entnahme aus dem Blut ist für den Spender einfacher, da die Sammlung ambulant geschehen kann, während die Knochenmarkentnahme eine Hospitalisierung erfordert. 

Wie steht es um den Einsatz von Stammzellen aus Nabelschnurblut? 
Nabelschnurblut wird zunehmend wichtiger als Stammzellquelle. Die relative Unreife der Abwehrzellen im Nabelschnurblut ermöglicht auch eine Transplantation von gewebsinkompatiblen Transplantaten. Hauptnachteil ist die relativ geringe Zahl von Stammzellen in Nabelschnur-Produkten. 

Wie gehen Sie vor, wenn das (allogene) Transplantat vom Empfängergewebe als «fremd» abgestossen wird oder wenn es zu einer Abstossung der Spenderzellen gegenüber dem Empfängergewebe kommt? 
Die Transplantat-Abstossung ist selten und kann in aller Regel durch eine erneute Transplantation behandelt werden. Häufiger ist die "umgekehrte Abstossung". Dabei attackiert das Spenderimmunsystem die gesunden Organe der Empfängerperson. Diese Abstossung wird mit Medikamenten behandelt, welche die Immunreaktion unterdrücken - wobei die Ansprechraten leider noch unbefriedigend sind. 

Die Medikamente können ja meist nach einiger Zeit abgesetzt werden. Sind Ihre Patienten dann als geheilt zu betrachten?
Krankheitsrückfälle treten in aller Regel innerhalb der ersten Monate und Jahre nach der Transplantation auf und sind mehr als 5 Jahre danach sehr selten. Von zunehmendem Interesse sind jedoch Spätkomplikationen wie hormonelle Störungen, Osteoporose oder Gefässerkrankungen, die nach Transplantation gehäuft auftreten, so dass alle Patienten lebenslang von einem Transplantationszentrum nachkontrolliert werden.

Wie sehen Sie die Zukunft der Stammzellforschung generell? Werden Stammzellen geschädigtes Gewebe regenerieren oder neues Gewebe bilden können? Werden sie Diabetikern, Alzheimer- oder Parkinsonpatienten helfen können? 
Die Forschungsanstrengungen und Fortschritte auf diesen Gebieten sind enorm, und die Stammzell-Therapie hat sehr grosses Potenzial in der Behandlung von zahlreichen degenerativen Erkrankungen oder Autoimmunkrankheiten. Von der klinischen Anwendbarkeit sind wir aber noch viele Jahre entfernt. 

Interpharma, Verband der forschenden pharmazeutischen Firmen der Schweiz, Petersgraben 35, 4003 Basel